kaktus-im-kopf.de
Du liest gerade
Sag mal: Wie fühlt sich ein Migräne-Anfall an?
0
Leben und Alltag

Sag mal: Wie fühlt sich ein Migräne-Anfall an?

Header Bitte nicht stören

Ich werde oft gefragt, was Migräne von „normalen“ Kopfschmerzen unterscheidet und wie sich das anfühlt, wenn man einen Migräne-Anfall hat. Wenn ich davon berichte, sind die meisten oft erstaunt und fassungslos, schlicht und einfach, weil man sich solche Schmerzen kaum vorstellen kann, wenn man sie nicht selbst erlebt hat. In diesem Beitrag erfährst du, wie sich ein Migräne-Anfall anfühlt.

Nicht einfach nur Kopfschmerzen

Um es gleich einmal vorweg zu nehmen: Migräne ist nicht einfach mit Kopfschmerzen zu vergleichen. Zwar findet sie primär im Kopf statt, jedoch wirkt sich ein Migräne-Anfall auf den ganzen Körper aus, ganz nach dem Motto: Eine Migräne kommt selten allein.

Nicht umsonst spricht man im Zusammenhang mit Migräne von einem „Anfall“ oder einer „Attacke“. Diese Begriffe deuten bereits darauf hin, dass wir es hier mit einem ganz anderen Kaliber zu tun haben. Eine Attacke oder ein Anfall ist etwas Plötzliches, Heimtückisches, Unerwartetes, das dich überrascht, dir den Boden unter den Füßen wegzieht, dich überfällt und niederstreckt.

Viele vergleichen einen Migräne-Anfall auch mit einem „Gewitter“, dass sich im Kopf zusammenbraut, bis der Donner ertönt und Blitze auf dich niederschlagen. Ich finde aber auch das Bild eines „Vulkans“ sehr treffend, bei dem es im Inneren so lange brodelt, bis er ausbricht und die Lava alles überströmt.

Kurzschlussreaktion im Gehirn

Auch, wenn die Ursachen für Migräne noch nicht vollständig geklärt sind, kann man vereinfacht sagen, dass es sich dabei u.a. um eine Art Kurzschlussreaktion im Gehirn handelt, die zumindest eine Teilerklärung liefert:

Werden die Nerven durch eine Reizüberflutung zu stark belastet, reagieren diese ähnlich wie bei einer Entzündung: Sie setzen Botenstoffe frei, um dieser entgegen zu wirken. Diese wiederum sorgen für eine stärke Durchblutung der Blutgefäße der Hirnhäute; dadurch wird auch die Schmerzempfindlichkeit massiv erhöht, jeder Pulsschlag verursacht Schmerzen. Das Gehirn steht nun quasi unter Hochspannung.

Ähnliche neurologischen Störungen treten beispielsweise bei einem Schlaganfall oder bei Epilepsie auf. In diesen Fällen würde wohl kaum jemand behaupten, der Betroffene hätte nur ein „pelziges Gefühl“, wenn plötzlich die halbe Gesichtshälfte gelähmt ist oder „leichte Zuckungen“ während eines epileptischen Anfalls.

Auch bei weitaus harmloseren Erkrankungen wie einer Grippe hat man auch nicht einfach nur „Schnupfen“. So ähnlich fühlt es sich für mich immer an, wenn jemand Migräne mit Kopfschmerzen vergleicht, denn es ist einfach so viel mehr.

Wie ein besonders heftiger Kater

Kannst du dich erinnern, als du das letzte Mal einen richtig fiesen Kater hattest? Dein Schädel brummt, grelles Licht und jedes noch so kleine Geräusch machen das Hämmern im Kopf nur noch schlimmer. Du fühlst dich ausgelaugt, erschöpft und kraftlos. Auch dein Magen ist flau, vielleicht ist dir sogar übel und du musst dich übergeben. Du kannst dich nicht entscheiden, ob dir heiß oder kalt ist, alles um dich herum dreht sich. Aufstehen geht gar nicht, auch Liegen ist nicht optimal, aber im Vergleich immer noch die beste Option.

Kurz: Für deinen Körper und deine Nerven ist gerade alles zu viel und du hast nur einen einzigen Gedanken: „Bitte mach, dass es aufhört!“. Im besten Fall nimmst du eine Aspirin, ziehst dir die Decke über den Kopf und schläfst deinen Rausch aus. Sobald das Schlimmste überstanden ist, bist du aber auch nicht wirklich fit. Du bist immer noch entkräftet und der Tag (bzw. das, was noch davon übrig ist) ist so gut wie gelaufen.

Ich finde den Vergleich mit einem Kater eigentlich sehr anschaulich, weil ich glaube, dass jeder mindestens einmal in seinem Leben schon in dieser Situation war und nachempfinden kann, wie sich das anfühlt. Einen Migräne-Anfall kann man sich von den Begleitsymptomen her so ähnlich vorstellen. Mit dem Unterschied, dass man vorher meistens nicht so viel Spaß gehabt hat, wie nach einer durchzechten Party-Nacht, und die Schmerzen dabei nahezu unerträglich sind.

Das Gefühl, ausgeliefert zu sein

Ich persönlich setze den Schmerz einer besonders heftigen Migräne-Attacke auch gerne mit einer „Foltermethode“ gleich. Für viele mag das vielleicht etwas drastisch klingen, aber für mich ist es in den Momenten, in denen ich hilflos daliege und fast besinnungslos vor Schmerzen bin, genau das. Der Schmerz schleicht sich nicht nur in meinen Kopf, er legt sich auch über meine Gedanken, er zwingt mich in die Knie, bis sich so verzweifelt bin, dass ich am liebsten einfach aufgeben würde. In keiner anderen Situation in meinem Leben fühle ich mich so hilflos und ausgeliefert, wie bei einer Migräne-Attacke.

Natürlich gibt es auch Attacken, die weniger heftig verlaufen und mittlerweile habe ich das Glück, ein Triptan (ein speziell für Migräne entwickeltes Medikament) gefunden zu haben. Sofern ich das Medikament rechtzeitig einnehme, schiebt es dem ganzen Elend einen Riegel vor, bevor die Attacke richtig losgeht. Bevor ich dieses Medikament jedoch für mich entdeckt habe, gingen Jahre voller Qualen ins Land.

Wie fühlt sich ein Migräne-Anfall denn nun an?

Damit ihr nachempfinden könnt, wie sich eine Migräne-Anfall anfühlt, möchte ich euch hier einen typischen Verlauf einmal aus meiner ganz persönlichen Sicht schildern.

Oft werde ich gefragt, wie ich Migräne überhaupt von „normalen“ Kopfschmerzen unterscheiden kann. Zunächst einmal habe ich natürlich jahrelange Übung darin, den Schmerz wahrzunehmen, zu analysieren, abzuwägen und entsprechend einzuschätzen.

Es gibt jedoch eine relativ simple Faustregel, die in den meisten Fällen funktioniert. Eine Migräne erkenne ich daran, dass der Schmerz nur auf einer Kopfseite, also an der linken oder rechten Schläfe entsteht. Oft beginnt es mit einem heftigen Pulsieren der Schläfe, das im Minutentakt intensiver wird. Sobald ich meine Finger auf die Stelle an der Schläfe drücke, spüre ich meinen eigenen Puls bedrohlich dagegen pochen. Ab diesem Zeitpunkt weiß ich schon, dass die Migräne-Attacke nicht mehr weit entfernt ist.

Im Verlauf der Attacke zieht sich der Schmerz dann auch entlang der Nervenbahnen vom Kopf bis in den Nacken. Drückt man auf diese Schmerzpunkte, fühlt es sich an, als würde man sie in einen Schraubstock klemmen. Es ist genau dieser Schmerz, der pochend und pulsierend auf die Nerven drückt, der mich oft fast besinnungslos macht, sodass ich keinen klaren Gedanken mehr fassen kann.

Der Schmerz ist also nicht nur lokal, sondern strahlt auf die gesamte Gesichtshälfte oder sogar Körperhälfte aus. Dann habe ich auf der betroffenen Seite häufig auch Zahn- oder Kieferschmerzen, Nackenschmerzen und Nervenschmerzen, die sich über die Arme bis in die Füße erstrecken können.

Eine Migräne kommt selten allein

Eine Migräne geht in vielen Fällen mit einer Vielzahl an Begleitsymptomen einher die ihr übriges tun, um mich restlos auszunocken. Dazu gehören beispielsweise:

  • Geruchsempfindlichkeit
  • Licht- und Lärmempfindlichkeit
  • Taubheitsgefühle und Schwindel
  • Krämpfe und Schüttelfrost
  • Übelkeit und Erbrechen
In den meisten Fällen ist es eine Mischung aus all diesen Symptomen, die mich wie eine Welle überrollen.

Geruchsempfindlichkeit

Sobald sich eine Migräne-Attacke ankündigt, nehme ich Gerüche auf einmal viel intensiver war, als sonst. Plötzlich riecht das Parfum, das die Frau neben mir trägt, so stark, als hätte sie sich den gesamten Inhalt des Flacons übergeschüttet. Den Duft von frisch gewaschener Wäsche, den ich sonst so liebe, kann ich auf einmal gar nicht mehr riechen. Ohnehin sehr intensive Gerüche wie Rauch, Schweiß oder Abgase werden schier unerträglich.

Licht- und Lärmempfindlichkeit

In diesem Stadium der Attacke bereiten mir sogar normales Tageslicht und Alltagsgeräusche Probleme: Laute Gespräche oder Musik, Straßenlärm oder spielende Kinder, stechende Sonnenstrahlen oder Kälte – was sonst nur ein begleitendes Rauschen ist, wird jetzt für mich zur Qual.

Ab diesem Zeitpunkt bleibt mir nur eines übrig: Ich muss mich hinlegen und mich komplett von der Außenwelt abschotten. Selbst der kleinste Lichtstrahl, der durch den Schlitz im Rollo fällt, stört mich. Jetzt gilt es, den Körper so wenig wie möglich mit Reizen von außen zu belasten, denn sie alle lassen das Gewitter, das sich gerade in meinem Kopf zusammenbraut, nur schlimmer werden. An dieser Stelle hilft mir oft Pfefferminzöl und darauf ein eiskalter Waschlappen auf der Stirn. Beides lindert die Schmerzen etwas oder lenkt mich zumindest von ihnen ab.

Krämpfe und Schüttelfrost

Durch die anhaltenden Schmerzen verkrampft sich mittlerweile mein Nacken, als hätte ich den Muskelkater meines Lebens. Aber damit nicht genug. Der Schmerz breitet sich immer weiter aus. Nun verkrampfen sich auch der untere Rücken und mein Magen verkrampfen, als hätte ich auf einmal noch heftige Regelschmerzen dazu bekommen. Durch den kalten Waschlappen auf meiner Stirn bekomme ich plötzlich Schüttelfrost, also brauche ich zusätzlich eine Wärmflasche, die gegen die Kälte und gegen die Krämpfe hilft.

Übelkeit und Erbrechen

Durch die heftigen Schmerzen, die erbarmungslos auf meine Nerven drücken, wird mir plötzlich übel. Wenn ich Glück habe, habe ich vor der Migräne-Attacke etwas gegessen. Dann ist der Spuk manchmal vorbei, sobald ich mich übergebe. Ich weiß nicht, warum es so ist, aber offenbar hat der Körper während eines Migräne-Anfalls das dringende Bedürfnis, etwas loszuwerden, als hätte ich Gift geschluckt. Jeder, der schon mal eine fiese Darmgrippe hatte, kann das sicherlich nachempfinden, ohne, dass ich hier weiter ins Detail gehen muss.

In den meisten Fällen ist es jedoch leider so, dass die Migräne mich morgens aus dem Schlaf reißt. Mein Magen ist leer, aber die Übelkeit ist trotzdem da. Dann hänge ich oft stundenlang mit Magenkrämpfen über der Kloschüssel, in dem hoffnungslosen Versuch, mich zu übergeben. Bei manchen Anfällen war ich so verzweifelt, dass ich kurzerhand wahllos irgendetwas in mich hineingestopft habe, nur, damit ich es Sekunden später wieder erbrechen konnte. Hauptsache, es hört endlich auf.

Ausharren, bis es vorbei ist

An dieser Stelle bin ich nervlich oft schon am Ende, weil ich weiß, dass ich in dieser Situation erst einmal gefangen bin. Stundenlang. Ich kann mich kaum bewegen und bin unendlich schwach, kann kaum sprechen geschweige denn klar denken, aber an Schlaf ist in diesem Zustand nicht zu denken. Eigentlich müsste ich jetzt viel Wasser trinken, aber selbst dafür bin ich zu erschöpft. Ich fühle mich wie ein Opossum, das in Bewegungsstarre verfallen ist, um so vor seinem Feind zu entkommen – nur dass der Kampf mit meinem Feind im Kopf stattfindet.

Nach dem Migräne-Anfall

Irgendwann – nach stundenlanger Qual – kommt dieser erlösende Moment, in dem ich verschwommen wahrnehme, dass das Pochen, die Krämpfe und die Übelkeit nachlassen. Manchmal gelingt es mir, auch vor Erschöpfung wegzudämmern, aber das fühlt sich eher an, als wäre ich in einem Wachkoma. Mein Körper hat für den Anfall all seine Kräfte aufgebraucht.

Sobald ich aus meinem Dämmerschlaf erwache, fühle ich mich, als hätte ich in einer dunklen Höhle gehaust oder tagelang eine trockene Wüste durchquert. Ich habe jegliches Zeitgefühl verloren. Zumindest kann ich nun endlich wieder aufstehen, jedoch verläuft jede Bewegung, ja sogar jeder Gedanke, wie in Zeitlupe. Ich bin lediglich ein Schatten meiner selbst. Dafür habe ich nun einen immensen Heißhunger auf etwas Fettiges (wo wir wieder beim Kater wären), damit mein Körper möglichst schnell wieder an Energie kommt.

Ich brauche nicht zu erwähnen, dass ich nach so einer Attacke, die oftmals bis zu 6 Stunden andauern kann, für nichts mehr zu gebrauchen bin. Für heute habe ich genug. Dieser Tag findet, wie so viele andere, ohne mich statt.

Wie verläuft ein Migräne-Anfall bei dir? Findest du dich in der obigen Beschreibung wieder? Vielleicht hast du aber auch andere Begleitsymptome oder eine Migräne-Aura? Hat dir dieser Beitrag geholfen, um den Verlauf einer Migräne-Attacke besser zu verstehen? Hinterlasse mir gerne einen Kommentar!

(2) Comments

  1. Anie Moog says:

    Hallo Alex, ich finde ich mich fast 1 zu 1 wieder in deiner Beschreibung. Es tut so gut zu lesen, dass man nicht allein ist (ich weiß, es gibt VIELE von uns). Aber die wenigsten sprechen darüber so offen wie DU. Ich leide, erst seit 2 Jahren, nach einem heftigen Anfall, unter chronischer Migräne. Davor war es immer nur episodisch. Jetzt ist der “KAKATUS” mein täglicher Begleiter. Gott sei Danke nicht jeden Tag gleich stark, aber immer da. Über verschiedene Prophylaxetherapien, man hat ja nicht nur Migräne, sondern noch Asthma dabei und diverse Allergien, über Botox, zu indirekten Antikörpern und weiter zu direkten Antikörpern, und bisher ohne Wirkung oder nur unzureichend. Und jede Menge Frustration, kennt sicher fast jeder von uns. Ich bin so dankbar das hier zu lesen, eine sehr gute Beschreibung unseres Martyriums. Es kann, so glaube ich, niemand nachvollziehen, der es nicht schon einmal hatte, zumindest den fetten Kater. ; ) Im Moment stecke ich wieder im Schmerz fest, seit 4 Tagen, heut ist der 12. des Monats und ich hab schon 6 Einheiten Schmerzmittel gehabt, also heißt es nun versuchen auszusitzen, was sich aussitzen lässt. Ich danke dir von Herzen für deine Beschreibung der Migräne für Außenstehende. Für dich und für alle Migränegeplagten alles GUTE und möglichst viel schmerzfreie Zeit.
    Liebe Grüße
    Anie

    1. Liebe Anie, ich freue mich so über deinen lieben Kommentar! Es ist immer so schwer, anderen zu beschreiben, wie man sich mit Migräne und den Schmerzen fühlt. Umso mehr gibt mir dann der Gedanke daran, dass ich nicht alleine bin und es viele andere gibt, denen es genauso geht wie mir, zumindest etwas Mut. Und ja, auch die Suche nach einem Medikament oder einer Therapie ist so kräftezehrend! Wie du schon sagst, man hat ja auch noch andere Themen, die man mit sich rumschleppt. Ich wünsche dir von Herzen, dass du den passenden Weg für dich findest! Wenn ich einen Beitrag leisten kann, freut mich das sehr! Bleib dran und alles Liebe!
      Alexandra

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.